„Auf eine solche Krise kann keiner vorbereitet sein“ – warum dieser Satz im Bevölkerungsschutz gefährlich ist

Der Satz stammt aus einem Tagesspiegel-Interview mit Maren Schellenberg, Bürgermeisterin des Berliner Bezirks Steglitz-Zehlendorf, nach dem mehrtägigen Stromausfall in Berlin. Er wirkt auf den ersten Blick nachvollziehbar, fast menschlich. Und doch offenbart er ein zentrales Missverständnis – über Krisenvorsorge, über Führung und über Verantwortung im Bevölkerungsschutz. Denn ein länger andauernder Stromausfall ist kein exotisches Extremszenario. Er ist das Referenzszenario schlechthin.

Stromausfall: das Standardszenario der Krisenvorsorge

Ob Blackout oder regionaler Stromausfall: Diese Lagen stehen seit Jahren in nahezu jeder Risikoanalyse auf den vorderen Plätzen. Nicht, weil sie wahrscheinlich sind – sondern weil ihre Auswirkungen systemisch sind.

Stromausfall bedeutet:

  • Ausfall von Kommunikation
  • Einschränkung von Wärme und Wasser
  • Störungen in Gesundheitsversorgung und Pflege
  • Einschränkung staatlicher Handlungsfähigkeit
  • erhöhte Abhängigkeit von Selbsthilfe und Nachbarschaft

Wer Bevölkerungsschutz plant, plant Stromausfall mit. Immer.

Vorbereitung heißt nicht Kontrolle – sondern Funktionsfähigkeit

Das Interview macht deutlich, wie Vorbereitung oft missverstanden wird. Vorbereitung bedeutet nicht, jede Lage vollständig beherrschen zu können. Sie bedeutet auch nicht, Krisen zu verhindern.

Vorbereitung bedeutet:

  • Grundfunktionen aufrechterhalten, auch unter Ausfallbedingungen
  • Kommunikationsfähigkeit sichern, selbst ohne Internet und Telefon
  • Anlaufstellen definieren, die unabhängig von Zufällen funktionieren
  • Führungsstrukturen festlegen, die nicht improvisiert werden müssen
  • Selbsthilfe ermöglichen, statt sie erst in der Krise zu entdecken

Genau hier entscheidet sich, ob ein Ereignis beherrschbar bleibt – oder zur Krise eskaliert.

Wenn Zufall zur Strategie wird

Besonders aufschlussreich sind die Passagen im Interview, in denen deutlich wird, dass das Krisenmanagement maßgeblich davon profitierte, dass das Rathaus zufällig nicht vom Stromausfall betroffen war. Das ist kein Erfolg der Planung – das ist Glück.

Wenn…

  • Informationen erst spät veröffentlicht werden konnten,
  • Hotlines verzögert eingerichtet wurden,
  • Anlaufstellen ad hoc entstanden,
  • technische Stabilität vom Standort abhängt,

…dann liegt keine „Unvorhersehbarkeit“ vor, sondern eine klassische Vorsorgelücke.

Der kommunikative Schaden des Satzes „Darauf kann sich keiner vorbereiten“

Problematisch ist der zitierte Satz nicht nur fachlich, sondern vor allem kommunikativ. Er suggeriert: Vorsorge sei grundsätzlich begrenzt, Defizite seien unvermeidbar und Verantwortung liege außerhalb politischer Steuerung. In der Krisenkommunikation ist das fatal. Denn Vertrauen entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch erkennbare Vorbereitung und transparente Verantwortung.

Wer erklärt, dass Vorbereitung unmöglich sei, entzieht sich genau dieser Verantwortung – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung.

Operativ beherrschbar – strategisch lehrreich

Der Stromausfall in Berlin war operativ irgendwann beherrschbar. Die eigentliche Herausforderung lag – wie so oft – nicht im Technischen, sondern in Strukturen, Kommunikation, Erwartungsmanagement und Führungslogik.

Genau hier liegen die Lehren für Kommunen, Länder und den Bevölkerungsschutz insgesamt.

Krisen eskalieren nicht wegen Unvorhersehbarkeit

Krisen entstehen nicht, weil Vorbereitung unmöglich ist. Sie eskalieren, wenn Vorbereitung als unrealistisch, überzogen oder verzichtbar dargestellt wird. Der Stromausfall zeigt erneut: Nicht das Ereignis entscheidet über den Verlauf einer Krise, sondern der Zustand der Strukturen davor. Und genau darüber müssen wir sprechen – ehrlich, fachlich und ohne uns hinter scheinbarer Unplanbarkeit zu verstecken.

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