Der Kommunalkongress der grünen Bundestagsfraktion in Berlin stand unter dem Motto, wie Städte und Gemeinden lebenswert gestaltet werden können – vom Stadtteil bis ins Dorf. Die Themen waren vielfältig: Stadtentwicklung, soziale Infrastruktur und kommunale Selbstverwaltung.
Ein wichtiger Punkt war die Krisenfestigkeit von Kommunen. Im Workshop „Resilienz vor Ort – Wie du deine Kommune krisenfit bekommst! “ diskutierten wir, wie Städte und Gemeinden auf Krisen und Katastrophen vorbereitet werden können – und was es dafür konkret braucht.
Leon Eckert MdB, Berichterstatter für Bevölkerungsschutz, moderierte den Workshop. Auf dem Panel diskutierten neben mir Sabrina Günther vom Resilienzzentrum Ostalbkreis sowie Dr. Sophia Rossmann und Dr. Naomi Shulman vom Forschungsforum Öffentliche Sicherheit. Diese Mischung aus kommunaler Praxis, wissenschaftlicher Perspektive und politischer Einordnung bereicherte die Diskussion.
Ich konzentrierte meinen Beitrag auf eine zentrale Frage: Wie gelingt vor Ort gute Krisenvorbereitung im Zusammenspiel von Verwaltung und Feuerwehr?




Zwischen politischem Anspruch und operativer Realität
Die Diskussion zeigte eine bemerkenswerte Gleichzeitigkeit: Einerseits ist das Problembewusstsein klar vorhanden. Kommunale Resilienz ist politisch angekommen, die Herausforderungen sind benannt, die Risiken bekannt. Andererseits zeigt sich eine operative Realität, die oft nicht Schritt hält.
Oder zugespitzt formuliert: Zwischen Strategie und Realität liegt ein strukturelles Vakuum. Dieses Vakuum wird nicht auf Bundes- oder Landesebene spürbar – sondern vor Ort. In der Kommune. Dort, wo im Ernstfall keine Zeit für Zuständigkeitsdebatten bleibt. Dort, wo entschieden werden muss, wie informiert, koordiniert und gehandelt wird.
Die grundlegenden Fragen sind dabei erstaunlich banal – und gleichzeitig zentral: Wer informiert die Bevölkerung? Wer koordiniert Hilfe? Und wer gibt Orientierung? In vielen Kommunen ist genau das nicht durchgängig geklärt oder zumindest nicht systematisch vorbereitet.
Ein System mit Zufallsfaktor
Ein Gedanke aus der Diskussion bringt die aktuelle Lage treffend auf den Punkt: Die Krisenfähigkeit von Kommunen gleicht derzeit oft einem Lottospiel. Ob eine Kommune gut vorbereitet ist, hängt vielerorts weniger von verbindlichen Strukturen ab als von den Menschen vor Ort. Von engagierten Einzelpersonen, funktionierenden Netzwerken und lokalen Initiativen. Wo dieses Zusammenspiel gelingt, entstehen tragfähige Lösungen. Wo es fehlt, bleiben Lücken. Das ist kein individuelles Versagen. Es ist ein strukturelles Problem.
Denn in vielen Kommunen müssen die Grundlagen überhaupt erst geschaffen werden: funktionierende Krisenstabsstrukturen, klare Zuständigkeiten, belastbare Kommunikationswege und eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit Risiken. Dass diese Basics nicht überall selbstverständlich sind, ist angesichts der aktuellen Bedrohungslagen ein ernstzunehmendes Defizit.
Bevölkerungsschutz wird vor Ort entschieden
Vor diesem Hintergrund habe ich im Workshop eine These bewusst zugespitzt: Bevölkerungsschutz wird nicht in Berlin entschieden. Er wird nicht auf Landesebene entschieden. Er wird in der Kommune entschieden – oder er scheitert dort.
Diese Perspektive lenkt den Blick auf die operative Ebene. Denn der Erstkontakt mit der Bevölkerung findet immer lokal statt – in der Stadt, in der Gemeinde, im direkten Lebensumfeld der Menschen. Dort zeigt sich, ob ein System tatsächlich funktioniert.
Und genau diese Ebene ist strukturell oft unterbelichtet. Es fehlen verbindliche Vorgaben, einheitliche Mindeststandards und eine systematische Unterstützung. Vieles bleibt der kommunalen Selbstverwaltung überlassen.
Kein Erkenntnisproblem – ein Umsetzungsproblem
In der Diskussion wurde deutlich, dass es nicht an Wissen mangelt. Die relevanten Strategien, Konzepte und Leitlinien existieren. Die Anforderungen sind bekannt, die Risiken beschrieben. Was fehlt, ist die konsequente Umsetzung.
Der Bund plant den Zivilschutz, die Länder den Katastrophenschutz – und die Kommunen sollen umsetzen. Häufig jedoch ohne ausreichende Ressourcen, ohne klare Mindeststandards und ohne die politische Priorisierung, die dieses Thema eigentlich erfordert. Das führt zu einem System, das in der Theorie kohärent erscheint, in der Praxis aber sehr unterschiedlich funktioniert.







Ein Praxisbeispiel: „Bist Du bereit für den Notfall? “
Um zu zeigen, dass es auch anders gehen kann, habe ich im Workshop ein Beispiel aus der Praxis vorgestellt: die Hattersheimer Kampagne „Bist Du bereit für den Notfall?“.
Der Ansatz ist bewusst niedrigschwellig. Keine abstrakten Risikodiskussionen, keine komplexen Fachbegriffe, sondern eine einfache Frage, die direkt bei den Menschen ansetzt. Die Kampagne ist im Alltag präsent, verständlich formuliert und vor allem langfristig angelegt. Sie ist kein Projekt, sondern Teil einer kontinuierlichen Kommunikation. Im Kern geht es darum, die Bevölkerung nicht nur zu informieren, sondern handlungsfähig zu machen.
Entscheidend ist dabei weniger die Kampagne selbst als das Umfeld, in dem sie wirkt. Sie funktioniert dort, wo Verwaltung und Feuerwehr zusammenarbeiten, wo Kommunikation strategisch gedacht wird und wo das Thema politisch gewollt ist.
Die Rolle der Feuerwehr – und ihre Grenzen
Ein weiterer Punkt aus der Diskussion betrifft die Rolle der Feuerwehr. In der Praxis ist sie längst mehr als eine Organisation der Gefahrenabwehr. Sie ist in vielen Kommunen der operative Krisenmanager – die Struktur, die funktioniert, wenn andere Systeme an ihre Grenzen kommen. Gleichzeitig wird sie strukturell oft noch immer primär als Einsatzorganisation betrachtet.
Diese Diskrepanz zwischen tatsächlicher Rolle und institutioneller Einordnung wird in Zukunft stärker aufgelöst werden müssen. Dabei darf jedoch ein Punkt nicht übersehen werden: Bevölkerungsschutz ist keine Aufgabe, die allein von der Feuerwehr getragen werden kann. Verwaltung und Bürgerschaft müssen selbst Verantwortung übernehmen, Strukturen aufbauen und Vorsorge treffen.
Zugleich stößt das System an Grenzen. Das Ehrenamt ist bereits heute stark belastet – durch steigende Einsatzzahlen, wachsende Anforderungen und zunehmende Komplexität der Lagen. Ein Ansatz, der immer mehr Aufgaben auf ehrenamtliche Strukturen verlagert, ohne sie strukturell zu entlasten, wird langfristig nicht tragfähig sein.
Warum gute Beispiele nicht ausreichen
Genau an dieser Stelle wird die Diskussion grundsätzlicher. Solange funktionierende Ansätze als „Best Practice“ gelten, bleiben sie die Ausnahme. Sie sind abhängig von engagierten Einzelpersonen und günstigen Rahmenbedingungen.
Was wir brauchen, ist die Überführung solcher Ansätze in ein System. Oder, wie es in der Präsentation formuliert ist: Erfolg braucht Struktur. Struktur bedeutet in diesem Zusammenhang vor allem Verlässlichkeit: klare Zuständigkeiten, funktionierende Zusammenarbeit, kontinuierliche Kommunikation und eine echte lokale Verankerung.
Resilienz beginnt im Rathaus
Der Workshop war nur ein Baustein innerhalb eines breiter angelegten Kongresses. Dennoch hat er eine zentrale Erkenntnis sehr klar herausgearbeitet: Die entscheidende Ebene für funktionierenden Bevölkerungsschutz ist die kommunale. Oder zugespitzt formuliert: Wenn wir Bevölkerungsschutz ernst meinen, müssen wir die kommunale Ebene systematisch stärken – strukturell, finanziell, personell und konzeptionell.
Denn dort entscheidet sich, ob Konzepte wirken, ob Kommunikation ankommt und ob Menschen im Ernstfall wissen, was zu tun ist. Resilienz ist keine abstrakte Strategie. Sie ist das Ergebnis konkreter Strukturen vor Ort. Und genau deshalb beginnt sie im Rathaus – nicht im Ministerium.


