Der Stromausfall im Südwesten Berlins war mehr als eine technische Panne. Binnen kurzer Zeit wuchs er zu einer komplexen Krise mit operativen, politischen und gesellschaftlichen Facetten. Dabei zeigte sich: Vertrauen und Akzeptanz hängen nicht allein von der Lage ab, sondern davon, wie sie kommuniziert wird. Der Vorfall wirkte wie ein Brennglas auf die Schwächen der kommunalen Krisenkommunikation in Deutschland.










Gefahrenabwehr funktioniert – Kommunikation bricht
Operativ lief vieles rund: Feuerwehr, Polizei, Netzbetreiber, Bezirke und das Technische Hilfswerk arbeiteten koordiniert. Kritische Infrastrukturen wurden gesichert, Notstrom bereitgestellt, Warnmeldungen verbreitet. Doch in der Öffentlichkeit entstand früh der Eindruck von Chaos, Verzögerung und Orientierungslosigkeit. Informationen wirkten bruchstückhaft, Zuständigkeiten blieben unklar, politische und operative Kommunikation liefen asynchron. Das Muster ist bekannt: Lagebewältigung und Lagevermittlung folgen oft unterschiedlichen Logiken – und Takten.
Besonders im Fokus stand der Regierende Bürgermeister Kai Wegner. Kommentatoren sprachen von einem „kommunikativen Ahrtal-Moment“ – ein zugespitzter Vergleich, der weniger die Lage beschreibt als die hohen Erwartungen an politische Krisenkommunikation. Dabei gilt: Politische Kommunikation ersetzt keine operative Führung, sie soll Orientierung geben. Schweigen oder Zögern wird schnell als Kontrollverlust gewertet. In den ersten Stunden einer Krise entscheidet sich, ob Politik als handlungsfähig wahrgenommen wird – unabhängig von der tatsächlichen Stabilität der Lage.
Wie Wahid Samimy, Pressesprecher des Landesamtes für Brand- und Katastrophenschutz RLP (LfBK), treffend herausarbeitet, eskalierte in Berlin nicht der Stromausfall selbst, sondern ein Bruch im öffentlichen Führungsnarrativ. Operativ wurde die Lage (nach einer zu langen anfänglichen Chaosphase) beherrschbar, der eigentliche Schaden entstand jedoch auf der symbolischen Ebene politischer Führung. In Krisen verschieben sich Erwartungen: Menschen suchen weniger technische Erklärungen als sichtbare Präsenz, Orientierung und Verantwortungsübernahme. Bleibt dieser Deutungsraum unbesetzt, wird er von Medien und sozialen Netzwerken gefüllt – häufig schneller und wirkmächtiger als jede spätere Klarstellung. Der Versuch, einen solchen symbolischen Führungsbruch rational zu reparieren, greift zu kurz: Legitimität und Vertrauen lassen sich nicht technisch wiederherstellen, sondern nur durch klare, präsente Führung im richtigen Moment.
Desinformation als Lagefaktor
Parallel zur operativen Arbeit entstand eine zweite, schwer kontrollierbare Dynamik: Desinformation. In sozialen Netzwerken kursierten früh Falschmeldungen über angeblich fehlende Notstromaggregate, eine kollabierende Verwaltung oder einen „Blackout“. Extremistische und prorussische Akteure nutzten die Situation, um Narrative von Staatsversagen und Chaos zu verbreiten. Der Informationsraum wurde selbst zum Krisenfeld. Desinformation war kein Nebeneffekt – sie wurde Teil der Lage.
Besonders gefährlich: Viele Falschmeldungen griffen reale Sorgen auf. Fragen nach der Resilienz einer Millionenstadt, nach Notstromkapazitäten oder Zuständigkeiten sind berechtigt – und bieten Anknüpfungspunkte für Fake News, wenn offizielle Kommunikation zu spät oder zu abstrakt bleibt. Klassische Krisenkommunikation stößt hier an Grenzen. In hybriden Bedrohungslagen gilt: Wer nicht früh erklärt, überlässt das Feld anderen.
Zusätzlich verknüpften Teile der digitalen Debatte den Stromausfall mit rassistischen und migrationsfeindlichen Narrativen. Solche Zuschreibungen lenken von der sachlichen Lagebewältigung ab, fördern Schuldzuweisungen und untergraben den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Für staatliche Krisenkommunikation heißt das: Sachlichkeit allein reicht nicht immer. In bestimmten Situationen braucht es klare Haltung – gegen Rassismus, Hetze und gezielte Falschinformationen.
Erwartungshaltung der Bevölkerung: Zwischen Fürsorgeversprechen und Realität
Der Stromausfall in Berlin hat eine unbequeme, aber notwendige Debatte angestoßen: Was erwarten viele Bürger vom Staat in einer umfassenden Mangellage? Der Rheingau-Taunus-Landrat Sandro Zehner brachte es treffend auf den Punkt: „Wir kommen nicht mit dem Aggregat zu jeder Steckdose.“ Dieser Satz ist keine Kapitulation, sondern beschreibt die operative Realität des Bevölkerungsschutzes. Bei großflächigen Stromausfällen beanspruchen bereits der Eigenschutz von Leitstellen, Einsatzkräften und Führungsstrukturen enorme Ressourcen. Die Vorstellung, der Staat könne zehntausende Menschen schnell mit Strom oder Wärme versorgen, scheitert an technischen, organisatorischen und finanziellen Grenzen.
Deshalb braucht es ehrliche Kommunikation: Der Bevölkerungsschutz kann viel leisten – aber nicht alles. Resilienz entsteht nicht erst im Ernstfall, sondern durch Vorbereitung, klare Rollenverteilung und realistische Erwartungen. Eigenvorsorge ist dabei keine Kapitulation des Staates, sondern eine notwendige Ergänzung. Wer Krisenkommunikation ernst nimmt, muss diese Grenzen offen ansprechen – aus Verantwortung gegenüber den Menschen, nicht als Rückzug aus der Verantwortung.
Selbsthilfe als Stärke
Der Stromausfall zeigte auch eine oft übersehene Stärke: die Selbstorganisation. Nachbarschaften halfen einander, Pflegeeinrichtungen fanden Übergangslösungen, Bürger unterstützten Einsatzkräfte. Diese Beispiele erhielten weniger mediale Aufmerksamkeit als Krisennarrative, sind aber zentral für die Bewertung der Lage. Sie beweisen, dass Resilienz nicht nur aus Plänen und Technik besteht, sondern aus sozialem Vertrauen.
Krisenkommunikation sollte solche Geschichten sichtbar machen:
- als Gegengewicht zu Versagensnarrativen,
- zur Stärkung von Handlungssicherheit,
- als Teil einer realistischen Resilienz-Erzählung.
Kommunen als Schlüsselakteure – Kommunikation als Führungsinstrument
Der Berliner Stromausfall zeigt: Kommunen sind die Schnittstelle zwischen Staat und Bevölkerung. Bezirksseiten, Feuerwehrmeldungen, Netzbetreiber-Informationen und Social Media existierten – aber nicht als einheitlicher Kommunikationsraum. Ein resilienter Ansatz braucht klar definierte Rollen, abgestimmte Botschaften und eine enge Verzahnung aller Akteure. Krisenkommunikation darf keine Improvisation sein, sondern muss Teil der Einsatzplanung werden.
Der Stromausfall in Berlin war kein Blackout – aber ein Weckruf. Die Gefahrenabwehr funktionierte, die Kommunikation zeigte Schwächen. In Zeiten hybrider Bedrohungen entscheidet sich Resilienz nicht nur im Lagezentrum, sondern im Informationsraum. Kommunikation ist kein Beiwerk, sondern ein Führungsinstrument. Oder anders gesagt: Wenn die Lichter ausgehen, darf die Kommunikation nicht verstummen – und nicht denen das Feld überlassen, die Unsicherheit in Misstrauen verwandeln.

