Ein durchtrenntes Kabel lässt sich flicken. Ein gehacktes System kann man wiederherstellen. Doch wie gewinnt man das Vertrauen einer Bevölkerung zurück, die ihren Behörden nicht mehr glaubt? Diese Frage begleitete mich bei der Lektüre von „Der stille Krieg“. Reinhard Bingener und Markus Wehner zeigen, wie autoritäre Staaten Deutschland angreifen – mit Spionage, Sabotage, Cyberattacken und Desinformation. Für den Bevölkerungsschutz birgt das eine unbequeme Wahrheit: Wer unsere Gesellschaft schützen will, muss verstehen, wie man sie verunsichert und gegeneinander aufbringt.
Viele Angriffe, ein Muster
Die beiden FAZ-Journalisten richten ihren Fokus auf Russland und China, aber auch auf die Türkei. Sie beschreiben verschiedene Methoden und Ziele. Der Begriff „hybrider Angriff“ verbindet dabei Mittel, die einzeln oft wie isolierte Vorfälle wirken: Ein technischer Ausfall trifft auf eine Falschmeldung, eine politische Kontroverse auf gezielte Stimmungsmache. Offene und verdeckte Einflussnahme greifen ineinander.
Das Buch fordert dazu auf, Zusammenhänge zu erkennen. Wer nur den beschädigten Gegenstand oder das gehackte System sieht, übersieht die beabsichtigte Wirkung auf die Gesellschaft. Neben dem direkten Schaden entstehen Zweifel: Hat der Staat die Lage im Griff? Verschweigen die Behörden etwas? Kann ich den Nachrichten noch trauen?
Das heißt jedoch nicht, hinter jedem Ausfall einen fremden Geheimdienst zu vermuten. Ein Verdacht ist kein Beweis. Gerade in Krisen müssen wir zwischen gesicherten Fakten, plausiblen Vermutungen und offenen Fragen unterscheiden.
Desinformation braucht keine erfundene Krise
Besonders eindrücklich fand ich die Kapitel über Desinformation. Die Autoren zeigen, wie russische Einflussoperationen bestehende Konflikte aufgreifen, Gegensätze verschärfen und Unsicherheit schüren. Sie müssen keine neuen Spannungen erfinden – sie nutzen die vorhandenen und treiben sie auf die Spitze.
Die Autoren fassen es in einem Satz zusammen:
„Es geht um einen Angriff auf das gesellschaftliche Grundvertrauen.“
Der stille Krieg, Seite 210
Das erklärt, warum eine widerlegte Falschmeldung das Problem nicht löst. Wer ständig neue, widersprüchliche Erklärungen streut, verunsichert auch ohne eine überzeugende eigene Geschichte. Am Ende bleibt oft nur das Gefühl: Niemand sagt die Wahrheit.
Für die Krisenkommunikation ist das ein Warnsignal. Behörden können sachlich korrekt informieren und trotzdem auf Menschen treffen, die ihnen längst misstrauen. Eine Pressemitteilung allein reicht nicht, um Vertrauen zurückzugewinnen. Vertrauen entsteht im Alltag – durch nachvollziehbare Entscheidungen, erreichbare Ansprechpartner und den ehrlichen Umgang mit Fehlern.
Bevölkerungsschutz muss den Informationsraum einbeziehen
„Der stille Krieg“ ist für mich auch ein Appell, Krisenmanagement weiter zu denken. Notstrom, Vorräte und stabile Kommunikationswege bleiben essenziell. Doch ebenso wichtig ist die Frage, welche Informationen Menschen in einer Krise erreichen – und welche Falschmeldungen ihr Handeln beeinflussen könnten.
Denken wir an einen längeren Stromausfall. Während Einsatzkräfte Notrufstellen besetzen, könnten Gerüchte über verseuchtes Trinkwasser, geschlossene Anlaufstellen oder einen bevorstehenden Versorgungszusammenbruch die Runde machen. Solche Szenarien nennt das Buch nicht konkret, doch sie sind realistisch. Sie zeigen, wie Falschmeldungen zusätzliche Arbeit schaffen, Menschen von Hilfe fernhalten oder sie zu riskanten Entscheidungen treiben können.
Daraus ergeben sich für mich vier Aufgaben:
- Informationswege vor der Krise bekannt machen: Menschen müssen wissen, wo sie verlässliche Auskünfte finden – auch ohne Internet oder Mobilfunk.
- Unsicherheit klar benennen: Was wissen wir? Was prüfen wir? Wann gibt es neue Informationen? Diese Fragen verdienen präzise Antworten.
- Gerüchte als Teil der Lage erfassen: Entscheidend ist, welche Falschmeldungen Schutzmaßnahmen behindern oder Menschen gefährden.
- Den Umgang mit Desinformation üben: Krisenübungen sollten testen, wie Behörden auf widersprüchliche Meldungen, manipulierte Bilder und öffentliche Vorwürfe reagieren.
Das sind meine praktischen Schlussfolgerungen. Das Buch liefert den politischen und gesellschaftlichen Rahmen, keinen Maßnahmenkatalog für Kommunen.
Mein Fazit
„Der stille Krieg“ schärft den Blick für Angriffe, die über den einzelnen Vorfall hinauszielen. Besonders lesenswert finde ich die Verbindung zwischen Sabotage, Desinformation und dem Versuch, gesellschaftliches Vertrauen zu zerstören.
Für Verantwortliche im Bevölkerungsschutz und in der Krisenkommunikation bleibt eine zentrale Frage: Planen wir nur, wie wir die nächste Krise bewältigen – oder auch, wie wir Menschen erreichen, die unseren Informationen misstrauen? Wer erst in der Krise beginnt, um Vertrauen zu werben, hat eine entscheidende Vorbereitung versäumt.

