Ausgezeichnete Risikokommunikation: Warum Notfallvorsorge vor Ort beginnen muss

Die von mir initiierte Kampagne „Bist Du bereit für den Notfall?“ der Feuerwehren Hattersheim am Main hat den ersten Platz des Hessischen Katastrophenschutzpreises erhalten. Für mich bedeutet diese Auszeichnung große persönliche Anerkennung – vor allem aber eine Bestätigung: Verständliche, kontinuierliche und lokal verankerte Risikokommunikation gehört zum Kern eines modernen Brand- und Bevölkerungsschutzes.

Frühzeitig auf Risikokommunikation gesetzt

Als die Kampagne startete, war eine dauerhafte, alltagsnahe Risikokommunikation im Bevölkerungsschutz noch selten. Die öffentliche Kommunikation beschränkte sich vielerorts auf eingetretene Ereignisse, Warnungen oder vereinzelte Hinweise zur Notfallvorsorge.

Die veränderte Sicherheitslage, häufigere Extremwetter und die wachsende Sorge um Versorgungsstörungen haben das Thema deutlich aufgewertet. Heute verstehen Staat, Kommunen, Hilfsorganisationen, Wirtschaft und Bevölkerung den Bevölkerungsschutz zunehmend als gemeinsame Aufgabe. Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie wir Menschen schon vor einer Krise erreichen, informieren und zum eigenständigen Handeln befähigen. „Bist Du bereit für den Notfall?“ hat diesen Ansatz früh aufgegriffen und in eine dauerhafte kommunale Informationskampagne übersetzt.

Vom alltäglichen Brandschutz bis zum Zivilschutz

Die Kampagne setzt bewusst bei Themen an, die viele Menschen aus dem Alltag kennen: „Rauchmelder retten Leben“, richtiges Verhalten im Brandfall, die Gefahr durch Kohlenmonoxid, Erste Hilfe oder Brandschutz in den eigenen vier Wänden. Auf dieser vertrauten Basis erweitert sich das Themenspektrum Schritt für Schritt: von Warnsystemen, Unwettern und Stromausfällen über persönliche Notfallvorsorge und Verhalten in Krisen bis hin zum Zivilschutz.

Darin liegt die besondere Stärke des Konzepts. Die Kampagne vermittelt Bevölkerungsschutz nicht als abstraktes Spezialthema für seltene Katastrophen. Sie beginnt bei konkreten Alltagsgefahren und schlägt von dort eine verständliche Brücke zu größeren Schadenslagen und neuen Bedrohungen. So erreichen wir auch Menschen, die sich bisher kaum mit Notfallvorsorge oder Zivilschutz beschäftigt haben. Statt mit komplexen Krisenszenarien zu starten, knüpft die Kommunikation an bekannte Situationen und vorhandenes Wissen an. Risikokommunikation wird so zugänglich, anschlussfähig und selbstverständlich Teil der Prävention.

Vorsorge braucht mehr als Informationsbroschüren

Viele Informationen zur Notfallvorsorge existieren längst. Doch sie erreichen die Menschen oft nicht – oder erst, wenn die Krise schon da ist. Warnsysteme, Einsatzkräfte und staatliche Maßnahmen allein bieten keine vollständige Sicherheit. Bei längerem Stromausfall, schwerem Unwetter, Hochwasser, extremer Hitze oder gestörter Trinkwasserversorgung zählt, ob die Bevölkerung vorbereitet ist.

Wissen die Menschen, wie Warnungen verbreitet werden? Haben sie Lebensmittel, Trinkwasser, Medikamente und wichtige Dokumente griffbereit? Wissen sie, wo sie im Notfall verlässliche Informationen finden? Können sie sich selbst und anderen helfen? Mit „Bist Du bereit für den Notfall? “ wollte ich diese Fragen aus den Broschüren in den Alltag holen.

Verständlich, konkret und ohne Panikmache

Gute Risikokommunikation dramatisiert Risiken nicht und verharmlost sie auch nicht. Sie ordnet Gefahren verständlich ein, vermittelt konkrete Handlungsmöglichkeiten und stärkt die Selbstwirksamkeit der Menschen. Daran orientiert sich die Kampagne. Seit ihrem Start ist ein breites Informationsangebot entstanden: regelmäßige Beiträge in sozialen Medien, Informationsveranstaltungen, praktische Aktionen und eine stetig wachsende Online-Wissenssammlung mit weit über 100 Themen.

Örtliche Informationen ergänzen die allgemeinen Empfehlungen, etwa zu Warn- und Informationskanälen in Hattersheim am Main oder zu Feuerwehrhäusern als Notrufmeldestellen bei längerem Stromausfall. Dieser lokale Bezug ist entscheidend. Allgemeine Empfehlungen schaffen Grundlagen. Wirklich handlungsrelevant werden sie oft erst durch die Antwort auf die Frage: Was bedeutet das konkret für meinen Wohnort?

Informationen dorthin bringen, wo die Menschen sind

Ein weiterer Grundgedanke der Kampagne: Wir warten nicht darauf, dass Menschen von sich aus Informationsveranstaltungen besuchen, Broschüren bestellen oder gezielt im Internet nach Vorsorgethemen suchen. Risikokommunikation muss dorthin, wo der Alltag stattfindet. Dazu gehören Informationsaktionen im Lebensmitteleinzelhandel. Dort lässt sich die zunächst abstrakte Empfehlung, Vorräte für Krisensituationen anzulegen, direkt mit dem täglichen Einkauf verbinden. Notfallvorsorge wird so anschaulich, niedrigschwellig und praktisch umsetzbar.

Dieser Ansatz hat Vorbildcharakter. Im Rahmen einer hessenweiten Resilienzwoche sollen ähnliche Informationsaktionen im Lebensmitteleinzelhandel landesweit stattfinden. Das zeigt, welches Potenzial in einer Risikokommunikation steckt, die klassische Wege verlässt und Menschen direkt in ihrem Lebensumfeld anspricht. Auch in Hattersheim führen wir diesen Weg fort. Nach einer ersten gemeinsamen Aktion sind weitere Kooperationen mit Lebensmittelmärkten und anderen örtlichen Akteuren geplant.

Risikokommunikation ist eine Daueraufgabe

Ein einzelner Aktionstag oder ein jährlicher Hinweis auf den Notvorrat genügt nicht. Vorsorge muss regelmäßig Thema sein, damit sie Schritt für Schritt Teil des Alltags wird. Das verlangt Ausdauer. Risikokommunikation zeigt selten sofort sichtbare Erfolge. Ob ein Beitrag dazu geführt hat, dass jemand die Warn-App richtig einrichtet, Rauchmelder prüft, Vorräte anlegt oder mit der Familie über einen Notfallplan spricht, lässt sich kaum messen.

Die Wirkung zeigt sich oft erst in einer konkreten Lage. Dann entscheidet sich, ob Warnungen verstanden, Informationsquellen gefunden und Empfehlungen umgesetzt werden. Risikokommunikation beginnt deshalb lange vor der Krise. Sie schafft die Grundlage dafür, dass Krisenkommunikation im Ernstfall überhaupt wirken kann.

Dritte bedeutende Auszeichnung für die Kampagne

Der Hessische Katastrophenschutzpreis ist bereits die dritte große Auszeichnung für „Bist Du bereit für den Notfall? “. Zuvor erhielt die Kampagne 2025 den Förderpreis „Helfende Hand“ des Bundesinnenministeriums und den Hessischen Feuerwehrpreis.

Dass das Projekt nun erneut auf Landesebene gewürdigt wurde, macht mich als Initiator und maßgeblichen Umsetzer besonders stolz. Die Auszeichnungen zeigen zugleich, dass die vermeintlich „weichen“ Themen Kommunikation, Information und Sensibilisierung zunehmend als das anerkannt werden, was sie sind: unverzichtbare Elemente des Zivil- und Katastrophenschutzes. Bevölkerungsschutz darf nicht erst mit der Alarmierung von Einsatzkräften beginnen. Er muss Wissen vermitteln, Risikobewusstsein fördern und Menschen befähigen, sich selbst und anderen zu helfen.

Auszeichnung als Auftrag zur Weiterentwicklung

Mit der Preisverleihung ist die Kampagne nicht abgeschlossen. Bestehende Inhalte müssen wir aktualisieren, neue Risiken und Erfahrungen aufnehmen und weitere Zielgruppen erreichen. Außerdem soll „Bist Du bereit für den Notfall?“ in das Programm KOMPASS Resilienz eingebunden werden. Damit wird Vorsorge und Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung Teil einer umfassenden kommunalen Resilienzstrategie. Denn eine widerstandsfähige Kommune entsteht nicht allein durch Technik, Notstrom, Einsatzfahrzeuge oder funktionierende Krisenstäbe. Sie braucht ebenso informierte, vorbereitete und handlungsfähige Menschen.

Gute Risikokommunikation stärkt Resilienz

Die Auszeichnung mit dem Hessischen Katastrophenschutzpreis ist für mich Anerkennung und Ansporn zugleich. Sie bestätigt, dass kontinuierliche, verständliche und lokal verankerte Kommunikation einen wichtigen Beitrag zum Bevölkerungsschutz leistet. Die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt, dass der Ansatz der Kampagne vorausschauend war. Was anfangs wenig verbreitet war, gewinnt angesichts der veränderten Sicherheits- und Gefahrenlage an Bedeutung.

Notfallvorsorge soll keine Angst machen. Sie soll durch Wissen, Vorbereitung und realistische Handlungsmöglichkeiten mehr Sicherheit schaffen. Oder auf die zentrale Frage der Kampagne bezogen: Es geht nicht darum, ob die nächste Krise kommt. Entscheidend ist, wie gut wir darauf vorbereitet sind. Bist Du bereit für den Notfall?

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